Wohin mit dem Fahrrad, wenn man zum Amt, auf die Arbeit oder in die Innenstadt fährt? Wie schützt die Stadt Fahrräder vor Diebstahl, ohne Gehwege und Plätze mit Ständern zuzustellen? Und wie sollen solche Anlagen aussehen, damit sie ins Stadtbild passen? Diese Fragen klingen gegenwärtig. In der Nürnberger Stadtverwaltung werden sie offenbar schon seit über 100 Jahren verhandelt, weswegen im Jahr 1925 eine Akte über die „Aufstellung und Unterhaltung von fliegenden Fahrradunterständen auf öffentlichen Straßen und Plätzen durch das städtische Wohlfahrtsamt“ angelegt wurde. „Fliegend“ meinte dabei aber leider nur transportabel: Die Unterstände sollten aufgestellt und wieder entfernt werden können.


Zwei Modelle fliegender Fahrradständer, einer davon mit Stoffdach. Wo und wann genau sie aufgenommen wurden, ist in der Akte leider nicht vermerkt. Stadtarchiv Nürnberg C 25/I Nr. 1401, ca. 1928.
Eine Idee mit doppeltem Zweck - Warum kümmert sich das Wohlfahrtsamt um Fahrradständer?
Die Anregung kam 1925 aus Erfurt. Dort betrieb die Fürsorgestelle Fahrradwachen, die Radfahrenden sichere Abstellplätze und Kriegsbeschädigten eine Erwerbsmöglichkeit bieten sollten. Viele Betroffene fanden wegen ihrer Verletzungen und der schwierigen Arbeitsmarktlage kaum eine andere Beschäftigung. Erfurt berichtete von guten Erfahrungen. Ob sich das Modell auf Nürnberg übertragen ließe, war offen.
Die Konstruktion der Radunterstände sollte beide Zwecke erfüllen. Ein Prospekt der Erfurter Firma Carl Kuntze zeigt einen Ständer, der sich zusammenlegen und tragen ließ. Der Hersteller warb damit, dass auch ein Mensch, der nur einen Arm benutzen konnte, das Gestell aufstellen und abbauen könne. Ein weiteres Werbeblatt versprach Schutz vor Diebstahl und Wetter – und nannte die Beschäftigung von Kriegsbeschädigten ausdrücklich als Ziel.

Auch das „radfahrende Publikum“ wollte Stellplätze
In Nürnberg gab es großen Bedarf unter anderem beim Rathaus, bei der Polizeidirektion, den Finanzämtern und am Bahnhof. Die Anlagen sollten den Verkehr nicht behindern und das Stadtbild nicht beeinträchtigen. Ein Vermerk von 1927 führte zudem unter Berufung auf die Kriminalpolizei an, im Vorjahr seien ungefähr 500 Fahrräder gestohlen und nur etwa 40 wiedergefunden worden.
Auch die Öffentlichkeit und die Presse machte auf das Problem aufmerksam. Eine in der Nürnberger Zeitung am 20.06.1927 veröffentlichte Zuschrift aus dem Leserkreis beklagte fehlende bewachte Abstellplätze vor stark besuchten Gebäuden, besonders am Bahnhof. Das „radfahrende Publikum“, meinte ein Einsender, „würde diese Einrichtung sehr begrüßen“. Ein Aktenvermerk griff den Zeitungsartikel später ausdrücklich auf.

Welche Radständer passen zu Nürnberg?
Bei der Auswahl wurde es knifflig. Das Hochbauamt lehnte 1927 einen Vorschlag der Firma Wagner & Neher aus Aschaffenburg ab: Der Ständer eigne sich seinem Aussehen nach nicht für öffentliche Plätze „in einer alt historischen Stadt wie Nürnberg“. Auch Heringe zur Befestigung des Dachs im Straßenpflaster kamen nicht infrage. Die Firma protestierte und bot ein Modell zur Erprobung an.
Für die ab 1. April 1928 geplanten Fahrradwachen sah die Stadt schließlich Konstruktionen nach Entwürfen des Nürnberger Baurats Brugmann sowie ein Modell der Erfurter Firma Kuntze vor. Zunächst sollten vier Wachen am Knöpfleinsberg, am Inneren Laufer Platz, auf der Insel Schütt und in der Nähe der Deutschhauskaserne eingerichtet werden; zusätzlich waren transportable Anlagen für „besondere Gelegenheiten (Feste und dergl.)“ vorgesehen. Die Nürnberger Nothilfe sollte den Betrieb übernehmen und schwererwerbsbeschränkte Menschen beschäftigen. Dafür wurden 2.000 Reichsmark bewilligt.

Wie genau sich das Vorhaben an jedem geplanten Platz entwickelte und wie lange die einzelnen Ständer dort jeweils standen, lässt sich aus der Akte nicht rekonstruieren. Dass Fahrradwachen betrieben wurden, steht dagegen fest: Ein Vermerk von 1934 nennt ständige Wachen unter anderem am Alten Rathaus, am Volksbad und vor der Polizeidirektion. Finanziell erfüllte sich die Hoffnung aus Erfurt allerdings offenbar nicht. Anfang 1935 hielt die Verwaltung fest, dass die Nürnberger Fahrradwachen Verluste verursacht hatten.
Eine vertraute Frage, andere Antworten
Heute bezeichnet das Nürnberger Verkehrsplanungsamt sichere, komforable und möglichst überdachte Abstellanlagen als Teil fahrradfreundlicher Infrastruktur. Für Veranstaltungen hält die Stadt wieder mobile Radständer bereit. Sie sind keine bewachten Fahrradwachen wie damals – aber auch sie sollen dort Platz schaffen, wo zeitweise besonders viele Räder ankommen. Und am Bahnhof, den schon die Zuschrift der 1920er Jahre als Problemort hervorhob, steht seit Herbst 2020 der Fahrradspeicher am Nelson-Mandela-Platz. Nürnbergs erstes Fahrradparkhaus bietet rund 400 Stellplätze. Zwischen dem damaligen Wunsch und diesem Bau liegt keine nachgewiesene direkte Planungslinie. Die Frage dahinter ist dennoch erstaunlich beständig geblieben: Wo kann das Fahrrad sicher stehen, wenn sein Mensch gerade woanders ist?

Auch vor dem Stadtarchiv Nürnberg in der Norishalle gibt es Abstellmöglichkeiten für zahlreiche Fahrräder. Aufnahme: Marius Pfaller, 2026.




