Sommer, Sonne, Partnerstädte: Nürnbergs internationale Verbindungen und deren Erschließung im Stadtarchiv

Sommerzeit ist Reisezeit. Wenn die Tage lang sind und die Temperaturen steigen, wächst die Lust, den Koffer zu packen und in die Ferne zu schweifen: ans Meer nach Nizza oder Antalya, in die Kanäle Venedigs oder die Gassen Krakaus, Prags oder Córdobas, vielleicht auch weiter weg auf andere Kontinente, nach Amerika oder Asien. Manche Urlaubsziele liegen für Nürnbergerinnen und Nürnberger näher, als es auf den ersten Blick scheint – nicht geografisch, aber durch langjährig gewachsene Beziehungen: Denn viele Orte, die nach Ferien, Begegnung und Entdeckung klingen, sind zugleich Partnerstädte Nürnbergs.

Aber Städtepartnerschaften sind mehr als schöne Reiseanlässe. Sie erzählen von politischen Hoffnungen, persönlichen Kontakten, kulturellem Austausch – und das abseits der großen Weltbühne, auf der das Theater der internationalen Politik aufgeführt wird, sondern auf kommunaler, alltäglicher Ebene. Gerade für Nürnberg besitzt dieser Gedanke besonderes Gewicht: Mit den Reichsparteitagen und der Nürnberger Rassengesetzgebung zeigt sich die unrühmliche Verflechtung der Stadt mit dem nationalsozialistischen Regime. Umso bewusster entwickelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg und den Kriegsverbrecherprozessen das Selbstverständnis Nürnbergs als Stadt des Friedens und der Menschenrechte. Internationale Beziehungen und Städtepartnerschaften sind untrennbar mit dieser Entwicklung verbunden, das verdeutlicht ein aktuelles Erschließungsprojekt im Stadtarchiv Nürnberg: Dort wird derzeit die jüngere Überlieferung des „Amts für Internationale Beziehungen“ im Bestand C 123 aufgearbeitet. Hunderte Aktenordner dokumentieren, wie aus dem abstrakten Gedanken der Völkerverständigung ganz konkrete Begegnungen, Austauschprogramme und gemeinsame Projekte entstanden.

Ein Blick zurück zeigt, wie es überhaupt zu dieser umfangreichen Überlieferung kam. Dabei wird die besondere Rolle Nürnbergs gleich zu Beginn deutlich. Die Stadt war in Form ihres Oberbürgermeisters Otto Bärnreuther (1908–1957), der selbst Repressalien während der NS-Zeit erfahren hatte, am 20. Oktober 1954 bei der Initialzündung für die moderne Städtepartnerschaftsbewegung entscheidend beteiligt: Zusammen mit seinem Amtskollegen aus Brügge, Nizza, Locarno und Venedig unterzeichnete Bärnreuther im Rahmen des 2. Europäischen Gemeindetags auf dem Markusplatz in der Lagunenstadt einen wegweisenden Verbrüderungseid. Die Ziele waren hochgesteckt, man strebte, „das Werk der Geschichte in einer erweiterten Welt fortzusetzen“ und verpflichtete sich, „ständige Bande zwischen den Stadtverwaltungen unserer Städte aufrechtzuerhalten, auf allen Gebieten den Austausch ihrer Einwohner zu unterstützen“ und letztlich „mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln zum Erfolg dieses notwendigen Werkes des Friedens und des Wohlstands und zur europäischen Einheit beizutragen.“ Fast zehn Jahre, bevor die deutsch-französische Aussöhnung auf staatlicher Ebene durch den Élysée-Vertrag in konkrete Formen gegossen wurde, entstanden auf kommunaler Ebene bereits persönliche, kulturelle und institutionelle Kontakte mit dem gleichen Ziel. Städtepartnerschaften wurden so zu einem praktischen Instrument der Annäherung: Nicht die abstrakte Diplomatie stand im Mittelpunkt, sondern Begegnungen zwischen Menschen, Vereinen, Schulen, Verwaltungen und kulturellen Einrichtungen.

Trotz dieses vielversprechenden Beginns dauerte es jedoch weitere 25 Jahre, bis aus den vielfältigen Kontakten und freundschaftlichen Verbindungen mit anderen Kommunen handfeste, vom Stadtrat beschlossene Partnerschaftsverträge geschlossen wurden: Die Vereinbarung mit Krakau erfolgte im Oktober 1979 und trat für die kommenden zwei Jahrzehnte einen regelrechten Reigen los: Bis zur Jahrtausendwende folgten Verträge mit Skopje, Glasgow, San Carlos, Gera (nach der Wiedervereinigung aufgehoben), Charkow, Prag, Hadera, Atlanta, Antalya, Shenzhen und Kavala. Außerdem intensivierten sich in dieser Zeit die bereits 1954 geknüpften Bande nach Nizza und Venedig. Insbesondere aus diesen Jahrzehnten der verstärkten Hinwendung zu den Internationalen Beziehungen stammt auch der Großteil des Bestands C 123.

Neue Partnerstadt, ganz oben angebracht: Bürgermeister Willy Prölß (1. v. r.) und der Oberbürgermeister von Gera Horst Jäger (2. v. l.) montieren 1988 die Tafel zur Feier der Partnerschaft. Foto Hochbauamt: Karlheinz Daut, 1988. (StadtAN A 40 Nr. L-5192-F2-14)

Seine Überlieferung geht auf unterschiedliche städtische Stellen zurück: Zunächst war ab 1980 nach einem Gutachten des Ältestenrats der Stadt Nürnberg, das eine Rahmenkonzeption für Städtepartnerschaften und den internationalen Jugendaustausch vorstellte, das Presse- und Informationsamt mit einer eigenen Abteilung „Städtepartnerschaften“ zuständig. Zehn Jahre später wurde eine eigene Dienststelle eingerichtet, um dem steigenden organisatorischen Aufwand Rechnung zu tragen. Die Abteilung ging 1990 im „Amt für Internationale Beziehungen“ auf, gemeinsam mit der Abteilung „Dolmetscherangelegenheiten, Übersetzungen“ des Hauptverwaltungsamts. Somit war eine zentrale Einrichtung geschaffen, die über mehrere Jahrzehnte hinweg die Städtepartnerschaften mit Leben füllte, wie auch die Überlieferung zeigt: Hunderte Schüleraustausche, wissenschaftliche Konferenzen, Verwaltungsdelegationen, künstlerische Projekte und Wirtschaftskongresse sind in den bislang 1.269 erschlossenen Akteneinheiten bis ins Jahr 2005 dokumentiert. Seitdem erreichten das Stadtarchiv weitere Abgaben des Amts, hunderte Aktenordner füllen fast 50 Regalböden im Vorordnungsmagazin, die aktuell von einem Team des Stadtarchivs erschlossen werden. Ordner für Ordner wird so aufgezeigt, wie auf kommunaler Ebene realisiert wird, was auf staatlicher Ebene immer wieder ins Stocken gerät: grenzübergreifende Freundschaften, interkulturelles Verständnis, Offenheit und Austausch zwischen den Bewohnern. Viele Nürnbergerinnen und Nürnberger engagieren sich in den zahlreichen Partnerschaftsvereinen und füllen diese Vision mit Leben – bis heute.

Sowohl inner- als auch außerhalb Europas hat Nürnberg über Jahrzehnte hinweg ein Netzwerk von Partnerstädten aufgebaut. Hintergrundkarte: Wikimedia Commons – Simplified blank world map without Antarctica von User Skimel. Bearbeitet mit ChatGPT-5.6 Sol.

Denn mit Córdoba (2010) und Braşov (2024) traten auch jüngst neue Partnerstädte hinzu. Heute unterhält Nürnberg damit 15 Städtepartnerschaften und rangiert im bundesweiten Vergleich nur hinter Köln (23) und Berlin (17) gemeinsam mit Darmstadt (ebenfalls 15) auf Rang drei – ein Zeugnis für die nachhaltige Bedeutung der freundschaftlichen internationalen Beziehungen in der Stadt des Friedens und der Menschenrechte. Die umfassende Überlieferung zu den Städtepartnerschaften im Stadtarchiv Nürnberg veranschaulicht somit eine mehr als 75-jährige Erfolgsgeschichte, die immer noch aktiv fortgeschrieben wird, wenn auch unter neuem Dach: Seit Juni 2025 wurden das „Amt für Internationale Beziehungen“ sowie die Abteilung „Protokoll, Veranstaltungen und Ehrungen“ zusammengelegt und unter dem Namen „Internationales, Protokoll und Veranstaltungen“ dem Bürgermeisteramt zugeordnet. Doch das reichhaltige Veranstaltungsprogramm der neuen Abteilung zeigt: Administrative Zuständigkeiten und Organisationsstrukturen mögen sich verändern, aber der Grundgedanke, den Bürgermeister Bärnreuther 1954 in Venedig unterzeichnet hatte, bleibt unverändert bestehen und wird auch künftig mit Leben gefüllt werden.

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