Dokumente der Unmenschlichkeit: Vor zwei Jahren tauchten in den USA bisher unbekannte Fotos des Novemberpogroms 1938 in Nürnberg und Fürth auf

In Fachkreisen schlug die Nachricht ein wie eine Bombe und verbreitete sich schnell auch über den Atlantik: Anlässlich des 80. Jahrestages der „Kristallnacht“ am 9. November 2018 hatte eine Amerikanerin bei Twitter eine Reihe von Fotos gepostet, die die damaligen Gewalttaten von SA-Leuten zeigen (https://twitter.com/ElishevaAvital/status/1060914913328148480). Offensichtlich hatten die Verbrecher selbst Fotografen engagiert, die sie in Synagogen, Geschäften und Wohnhäusern bei Hausfriedensbruch, Raub, Brandstiftung und schwerer Körperverletzung aufnahmen. Es war ihnen egal, damit selbst die offiziell verbreitete Lüge von spontanen Aktionen der Bevölkerung gegen die Juden zu widerlegen, denn entrüstete „Volksgenossen“ waren nicht uniformiert und führten keine Vorschlaghämmer oder vollen Benzinkanister mit sich, um damit über ihre wehrlosen Nachbarn herzufallen.

Zur Herkunft der Bilder konnte die Eigentümerin des Accounts wenig aussagen: Sie stammten aus der Wohnung ihres Großvaters, die die Nachkommen nach seinem Tod aufgelöst hatten. Von ihm hieß es, er habe während des Zweiten Weltkriegs als US-Soldat in Deutschland gedient, doch niemand fragte ihn zu Lebzeiten nach Details. Die Aufnahmeorte identifizierte die Frau nach Fotografenstempeln auf den Rückseiten mit Nürnberg und Fürth.

Ein Beispiel aus den auf Twitter veröffentlichen Fotos: SA-Leute verwüsten am 9. November 1938 vermutlich in Nürnberg eine jüdische Wohnung
Ein Beispiel aus den auf Twitter veröffentlichen Fotos: SA-Leute verwüsten am 9. November 1938 vermutlich in Nürnberg eine jüdische Wohnung

Durch den Post vertausendfachten sich die Follower der Seite und der Link erreichte auch den Forschungsschwerpunkt jüdische Geschichte beim Stadtarchiv Nürnberg. Die Spekulationen über den Weg des Materials in die USA ließen sich schnell klären: Von ihrem Einsatz in Übersee nahmen die Amis gerne ‚Souvenirs‘ mit, deren Bandbreite von Nazi-Devotionalien bis zu liturgischen Schriften reichte. Alben solchen Inhalts waren allerdings makabre Andenken und deuten darauf hin, dass der ‚Sammler‘ kein einfacher Soldat war, sondern als Angehöriger des militärischen Nachrichtendienstes „Counter Intelligence Corps“ (CIC) die Zusammenhänge kannte. Ob er sich freilich dessen bewusst war, durch die Entfremdung von Beweismitteln die Strafverfolgung vor Ort zu erschweren, ist zu bezweifeln.

Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten sind diese visuellen Dokumente nicht nur für Nürnberg, sondern ganz Deutschland einzigartig, da nirgendwo sonst die Ereignisse des Pogroms so schonungslos und detailliert überliefert wurden. Also musste unbedingt versucht werden, Reproduktionen sämtlicher Fotos in guter Auflösung hierher zu bringen, um Akteure und topografische Zusammenhänge der Serie analysieren zu können.

Nach jahrzehntelangen Erfahrungen mit der sensiblen Materie initiierte das Stadtarchiv ein konzertiertes Herantreten an die Seitenbetreiberin mittels eines Briefes des Nürnberger Oberbürgermeisters und bat alle Interessierten in der Region um Zurückhaltung bis zu einer Antwort, um Irritationen zu vermeiden. Allerdings hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ein Wettrennen eingesetzt, in dem Institutionen und Einzelpersonen durch ihr Vorpreschen und die Weitergabe von Halbwahrheiten über die Bildmotive die Empfängerin und ihre Familie schließlich so verwirrten und misstrauisch machten, dass eine ursprünglich geplante Abgabe der Originale an die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem nicht verwirklicht wurde. Versuche des Forschungsschwerpunkts jüdische Geschichte, in der Folgezeit über Kontakte in Israel und den Vereinigten Staaten oder direkt mit den Nachkommen des schweigsamen Mannes in Verbindung zu treten, blieben erfolglos.

Zwei Jahre danach ist der Hype vorbei und die Situation ist unverändert: Der Thread, der irgendwann 2019 abbrach, steht wie versteinert im Internet, die Fotostrecken lassen weiterhin keine belastbaren Aussagen über Täter, Opfer und Schauplätze zu.

Verschreckt hat die Erben wohl auch die Frage nach dem Eigentum an den Aufnahmen, da ein legaler Erwerb auszuschließen ist. Dass sie Verkaufsabsichten hegen - in den Beständen einer kommerziellen Bildagentur wären die Bilder lukrative Dauerbrenner - ist nicht zu hoffen. Die beste Lösung wäre zweifellos die Übergabe an ein einschlägiges, professionell geführtes internationales Archiv - Deutschland kommt dafür aus geschichtlichen Gründen kaum infrage -, um endlich diese erschütternden Zeugnisse der Forschung zugänglich zu machen. Diese Verfahrensweise wäre ihrer Bedeutung als historische Quelle und Erinnerung an die Opfer angemessen.

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