von Marius Pfaller und Florian Zwießler
Als die Nürnberger am Morgen des 5. Februar 1909 erwachten, fanden sie sich inmitten der schlimmsten Hochwasserkatastrophe wieder, die die Stadt jemals erlebt hatte. Auf unglaubliche 4,67 Meter stieg der Pegelstand an und überflutete große Teile Nürnbergs. Um das Unglück entstand eine regelrechte Sensationsgier: Verlage druckten eigene Postkartenserien mit Aufnahmen aus der überfluteten Stadt. Das Hochwasser von 1909 ist sehr gut in Augenzeugenberichten, Zeitungsartikeln und vor allem Bildquellen dokumentiert, die heute im Stadtarchiv Nürnberg verwahrt werden.
Was wäre nun, wenn diese Bilder mithilfe von KI-Werkzeugen „zum Leben erweckt“ würden? Ein Innovationsteam des Bayerischen Rundfunk griff diese Idee von Kerstin Dornbach, der stellvertretenden Leitung des BR Franken, auf.

Nach intensiven Recherchen vor Ort im Lesesaal des Stadtarchivs entstand aus Originalquellen ein kurzer Film aus mehreren Sequenzen – die schwarz-weißen Originalaufnahmen wurden plötzlich zu farbigen Bewegtbildern, strudelndes Wasser fließt durch Nürnberger Gassen und Passanten bewegen sich ganz natürlich. Ganz so – wie es sich tatsächlich im Jahr 1909 ereignet haben könnte.


Die erstaunlichen Resultate waren ein willkommener Anlass für das Team vom Bayerischen Rundfunk, die KI-generierten Ergebnisse den Archivaren im Stadtarchiv Nürnberg vorzustellen und sich dabei dem Thema „KI und Archive“ für einen Beitrag in der Frankenschau (Ausstrahlung Sonntag, 15. Februar um 17:45 Uhr und abrufbar in der ARD-Mediathek: Frankenschau: Nürnbergs Jahrhundertflut neu erzählt - hier anschauen) zu widmen.
KI und Archive – ein Widerspruch?
Öffentliche Archive sind vertrauenswürdige Institutionen, die authentische, unverfälschte Zeugnisse der Geschichte transparent und für alle zugänglich bewahren. Als Hüter von Originalquellen erfüllen sie damit eine wichtige Funktion innerhalb der demokratischen Gesellschaft – gerade in Zeiten von Desinformation und der tagtäglichen Verzerrung von Fakten.

Archive sehen sich auf verschiedene Weise mit KI konfrontiert. Zum einen entstehen jeden Tag digitale Unterlagen und Dokumente in städtischen Dienststellen, bei Persönlichkeiten, Vereinen oder anderen Institutionen, worunter sich immer mehr mittels künstlicher Intelligenz produzierte Gegenstände befinden. Irgendwann finden diese ihren Weg in das Archiv, wo Vorgehensweisen zum Umgang mit solchen Quellen entwickelt werden müssen. Zum anderen können KI-Anwendungen wertvolle Arbeitshilfen sein, etwa in den Bereichen der Vermittlungs- und Öffentlichkeitsarbeit, als Recherchetool, zur Handschriftenerkennung oder bei der automatisierten Erschließung von Archivalien.
Entscheidend ist die Kennzeichnung
Bei all diesen Anwendungsszenarien entscheidend ist die Kennzeichnung und ein kritischer Umgang mit den Ergebnissen. Werden KI-generierte Videos, die einen möglichen Eindruck der Vergangenheit geben, mit deutlichen Hinweisen gekennzeichnet und verweisen auf die zugrundeliegenden Originalquellen, können diese einen attraktiven, niederschwelligen Zugang zu Geschichte bieten. Klar muss sein – hier handelt es sich nicht um Fakten, sondern um eine Fiktion, die der Wirklichkeit möglicherweise (sehr) nahekommt. Wie nahe liegt auch am verwendeten Ausgangsmaterial: Der einfache und ergebnisoffene Auftrag „Erstelle ein Video über das Hochwasser 1909 in Nürnberg“ wird deutlich weniger an die Realität heranreichen, als aufwändig erstellte, sogenannte Prompts mit Quellengrundlage, historische Originalfotos in Bewegung zu versetzen.

Unverzichtbare Quellenkritik
Nicht nur für Historiker ist die Quellenkritik ein unverzichtbares Mittel, um die Aussagekraft von Quellen zu verstehen, sie in einen Kontext einbetten und überhaupt sinnvoll interpretieren zu können. Dies gilt nicht nur für KI-generierte Dokumente, sondern für Quellen aller Art. Auch beispielsweise Fotografien wurden nicht erst seit der Erfindung von Photoshop immer wieder bearbeitet oder manipuliert.





