Der Nürnberger Grundvertrag von 1794 – Ein früher Schritt zur kommunalen Demokratie

Am 18. März 2026 wird erstmals deutschlandweit der Tag der Demokratiegeschichte gefeiert. Dieses Datum lädt dazu ein, nicht nur auf nationale Entwicklungen zu blicken, sondern auch auf lokale Meilensteine. Für Nürnberg ist dabei ein Ereignis besonders bedeutsam: der Nürnberger Grundvertrag vom 13. Februar 1794.

Am 13.2.1794 wurde der Nürnberger Grundvertrag von 32 Unterzeichnern unterzeichnet, und mit ihren Petschaften bestätigt. (StadtAN A1 1794.04.05)

Jahrhunderte patrizischer Herrschaft

Über fast 500 Jahre hinweg lag die politische und finanzielle Macht in Nürnberg in den Händen weniger patrizischer Familien. Seit dem Spätmittelalter regierte der sogenannte „Innere Rat“, in den ausschließlich Angehörige des Patriziats gewählt werden konnten. Spätestens nach dem Erwerb des Burggrafenamtes im Jahr 1427 existierte faktisch kein konkurrierendes innerstädtisches Machtzentrum mehr.

Die patrizischen Familien hatten ihren Reichtum vor allem durch Fernhandel erworben. Nürnberg war ein bedeutendes Handelszentrum mit weitreichenden Verbindungen nach Italien, Flandern, Südfrankreich, Böhmen, Österreich, Ungarn und Polen. Gehandelt wurde mit Metallwaren, Textilien, Waffen, Lebensmitteln, Bernstein und Gewürzen. Zeitweise verfügten Nürnberger Kaufleute über eine dominierende Stellung im Safranhandel in weiten Teilen Europas.

Während sich das Patriziat seit dem 17. Jahrhundert zunehmend aus dem aktiven Handel zurückzog und einen adeligen Lebensstil auf Landsitzen im Umland pflegte, blieb die politische Kontrolle weiterhin in seinen Händen. Das wirtschaftlich erstarkende Bürgertum – Kaufleute, Handwerker und Gelehrte – war politisch weitgehend ausgeschlossen.

Finanzkrise und wachsender Unmut

Seit dem Dreißigjährigen Krieg hatte die Reichsstadt enorme Schulden angehäuft. Kriege, sinkende Handelsgewinne und strukturelle Veränderungen im europäischen Wirtschaftsgefüge verschärften die Lage. Mitte des 18. Jahrhunderts bestand rund die Hälfte der Nürnberger Jahresausgaben aus Zinszahlungen.

Als die Stadt 1785 ihre Zinsen nicht mehr bedienen konnte, beschloss der Innere Rat die Einführung einer zusätzlichen Steuer. Diese Maßnahme traf vor allem das Bürgertum – während Patrizier vergleichsweise geringe Abgaben entrichteten. Die Unzufriedenheit hatte drei zentrale Ursachen:

  • die finanzielle Misswirtschaft,
  • die fehlende politische Mitbestimmung,
  • das als ungerecht empfundene Steuersystem.

Bereits 1730 hatten kaufmännische Vertreter des Genanntenkollegiums – eines bis dahin nur beratenden Gremiums – eine Untersuchung der Finanzpolitik beim Kaiser erwirkt. Der sogenannte Kaufmannsprozess zog sich bis 1754 hin, blieb jedoch ohne grundlegende Reformen. In den 1780er Jahren spitzte sich die Lage erneut zu.

Eine Sammlung französischer Karikaturen im Archiv des Handelsvorstandes bezeugt das Interesse der Großkaufleute an der Französischen Revolution. (StadtAN E 8 Nr. 5195)

Inspiration durch die Revolutionszeit

Die politischen Umbrüche jener Zeit wirkten auch auf Nürnberg. 1789 begann die Französische Revolution – nur wenige hundert Kilometer entfernt. Die Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und Bürgerrechten fanden Resonanz im Nürnberger Bürgertum.

Eine zentrale Figur war der Kaufmann Paul Wolfgang Merkel. Er bekannte sich offen zu den Idealen der Aufklärung und wandte sich gegen „erbliche Vorrechte“ sowie die politische Bevorzugung des Adels. Seine Worte machten deutlich: Es ging nicht mehr nur um Finanzfragen, sondern um grundlegende politische Teilhabe.

Das Titelblatt des Nürnberger Grundvertrags (StadtAN A1 1794.04.05)

Der Grundvertrag von 1794

Am 13. Februar 1794 wurde der Nürnberger Grundvertrag von 32 Unterzeichnern besiegelt. Er stellte eine neue Stadtverfassung dar und regelte das Verhältnis zwischen dem Inneren Rat und dem Genanntenkollegium neu.

Das Genanntenkollegium wurde als eigenständige Institution anerkannt und auf 250 Mitglieder festgelegt: 70 Patrizier, 70 Kaufleute, 70 Handwerker, 20 Gelehrte und 20 reichsstädtische Beamte. Besonders bedeutsam war, dass dieses Gremium verbindliche Mitwirkungsrechte in Steuer- und Finanzfragen erhielt. Zudem wurde ein Rechnungs-Revisions-Kollegium eingerichtet, um mehr Transparenz in die Haushaltsführung zu bringen.

Damit war das jahrhundertealte Machtmonopol des Patriziats erstmals institutionell eingeschränkt. Zwar blieb der Innere Rat bestehen, doch seine Entscheidungsgewalt war nicht mehr uneingeschränkt.

Plündernde Franzosen 1796. Stich, anonym, um 1796. Nürnberg wurde dreimal von französischen Truppen besetzt: 1796, 1798-1801 und zuletzt 1806. (StadtAN E 18 Nr. 762)

Reform mit Hindernissen

Der Grundvertrag war jedoch kein sofortiger Durchbruch zu einer funktionierenden neuen Ordnung. Unklare Formulierungen führten zu Kompetenzstreitigkeiten zwischen den Gremien. Es kam zu Blockaden in der politischen Entscheidungsfindung. 1797 baten beide Seiten den Kaiser um die Einsetzung einer Subdelegationskommission, die vermittelnd eingreifen sollte.

Parallel dazu veränderte sich die europäische politische Landschaft dramatisch. Nürnberg wurde zwischen 1796 und 1806 mehrfach von französischen Truppen besetzt. Mit der Auflösung des Heiliges Römisches Reich im Jahr 1806 verlor die Stadt ihren Status als freie Reichsstadt.

Im selben Jahr fiel Nürnberg an das Königreich Bayern. Das Patriziat wurde endgültig abgeschafft und in den regulären Adel überführt. In den folgenden Jahren entstanden neue kommunale Strukturen: 1810 ein französisch geprägter Munizipalrat, 1818 das Kollegium der Gemeindebevollmächtigten – ein direkter Vorläufer des heutigen Stadtrats.

Ein Meilenstein der Stadtgeschichte

Der Nürnberger Grundvertrag von 1794 war noch keine Demokratie im modernen Sinne. Es gab kein allgemeines Wahlrecht und keine vollständige Gleichstellung aller Bürger. Doch er markiert einen entscheidenden Wendepunkt: Er brach das exklusive Machtmonopol einer kleinen Elite auf und institutionalisierte bürgerliche Mitwirkung.

Demokratie entsteht selten durch einen einzelnen Moment – sie ist das Ergebnis langfristiger Aushandlungsprozesse. In Nürnberg begann dieser Prozess nicht erst im 19. oder 20. Jahrhundert, sondern bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert. Der Grundvertrag von 1794 steht damit am Anfang eines Weges, der schließlich zur modernen kommunalen Selbstverwaltung führte.

Weiterführende Literatur:
Bauernfeind, Walter: Grundvertrag, in: Michael Diefenbacher und Rudolf Endres (Hg.): Stadtlexikon Nürnberg, Nürnberg 1999, S. 390f.
Endres, Rudolf: Die Rolle der Kaufmannschaft im Nürnberger Verfassungsstreit am Ende des Alten Reiches, in: Jahrbuch für fränkische Landesforschung, Neustadt/Aisch 1985, S. 125-167.

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